Rezension: Hans Büchenbacher: Erinnerungen. Zugleich eine Studie zur Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus
Anthroposophen in der Nazizeit
Der Verlag verdient Dank, dass endlich die zeitgeschichtlich wichtigen Büchenbacher-Erinnerungen öffentlich erhältlich sind. Bisher wurden sie nur bruchstückhaft oder als Typoskript weitergereicht. Dieser leidgeprägte Bericht macht nur einen kleinen Teil des Buches aus (ca. 80 von 483 Seiten).
Hans Büchenbacher war Offizier im Ersten Weltkrieg, Musiker und Philosoph. Rudolf Steiner berief ihn als anthroposophischen Vortragsredner, und ihm war es in München 1922 zu verdanken, dass Steiner bei dem legendären Angriff in München vor rechtsradikalen Schlägern geschützt und heil aus der Stadt gebracht wurde. Es war auf seine Initiative, dass angesichts der Konflikte zwischen Jung und Alt 1923 die »Freie Anthroposophische Gesellschaft« gegründet wurde. Von 1931 bis 1934 Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, bemerkte er erschreckt, dass ein großer Teil der deutschen Anthroposophen sich vom Nationalsozialismus angezogen fühlte. Er gewann den Eindruck, dass man ihn – einen Weltkriegsoffizier und »Halbjuden« – gern losgeworden wäre. Und so gab er seine Ämter innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland auf. Auch in Dornach musste er ein positives Urteil über den Nationalsozialismus bei Günther Wachsmuth und Marie Steiner vorfinden. Letztere war nach Rudolf Steiners Tod stark von Roman Boos‘ Emotionen geprägt. Büchenbacher wurde ausgegrenzt.
Nach dem Krieg versuchten Dornacher Anthroposophen, ihn wieder in leitende Positionen zu holen. Das wirkte für Büchenbacher fast wie ein Preisangebot für sein Stillschweigen. Als man aber merkte, dass er ohnehin über »Dornachs« zweideutige Haltung zum Nationalsozialismus nicht zu Gericht zu sitzen gedachte, wurde er nicht mehr umworben. Dennoch hat er auch nach dem Krieg im Goetheanum und anderswo die Verbindung von sauber gedachter Philosophie und anthroposophischer Esoterik in Vorträgen und Arbeitskreisen vorbildlich gepflegt.
Der erste, titelgebende Teil des Buches (schon mit sorgfältig erarbeiteten Fußnoten versehen) liegt nun also vor und sollte mit Anteilnahme gelesen werden, auch wenn Büchenbacher gelegentlich Behauptungen wiedergibt, die sich nicht erhärten lassen und zum Teil vom Herausgeber Ansgar Martins widerlegt werden, zum Teil aber nicht. Davon später. Büchenbacher schreibt über den Jahresanfang 1934: »Ich konnte aber in dieser Zeit dann doch noch in vielen deutschen Zweigen Mitglieder [und öffentliche] Vorträge halten und dabei konstatieren, dass ungefähr 2/3 der Mitglieder mehr oder weniger positiv zum Nationalsozialismus sich orientierten.« Diese Vermutung hat leider sehr viel für sich, auch wenn viele Anthroposophen sich späterhin angesichts des drohenden Verbotes der deutschen Landesgesellschaft nun als naziverfolgt sahen.
Den Hauptteil des Buches bilden Anhänge aus der Feder des Herausgebers, mit fast unzähligen Fußnoten versehen. Sie geben einen reichhaltig differenzierten und gut gegliederten Kommentar. Der ungewöhnlich junge Verfasser richtet nicht vom hohen Ross des Spätgeborenen über die irrenden Früheren. Martins hat fast immer sauber unterschieden, was Rudolf Steiner selber gesagt hat, der ja nicht mehr im Berichtszeitraum 1933-45 gelebt hat, und was einzelne Anthroposophen gemeint haben. Auch die verschiedenen Formen eines »Deutschtum«-Begriffes und des Antisemitismus hat er meist ordentlich getrennt und enorm viel Material verarbeitet. Die fünf Anhänge umfassen eine Kurzbiografie Büchenbachers, die komplizierte Wechselwirkung von »rechter« und »linker« Anthroposophie und sozialer Dreigliederung, deren Spiegelungen innerhalb der anthroposophischen Streitigkeiten der 30er Jahre, das Lavieren vieler deutscher Anthroposophen im Dritten Reich und die schwierige Begriffsbestimmung des »Deutschtums« und des »Judentums« und die Schicksale jüdischer Anthroposophen.
Dennoch einige Einwände: Martins hat offensichtlich Teil II der Memoiren des Büchenbacher-Sohnes Hans Ludwig nicht gekannt (Hans Ludwig Büchenbacher: Karmische Fäden I+II, Raisdorf 1995). Dort wird (über die persönliche Betroffenheit hinaus) die überbordende Egozentrik des Vaters dargestellt. Ich meine, dass diese Selbstbezogenheit (auch wenn ich große Empathie für Büchenbachers Leid hege) auch die hier vorgelegten Erinnerungen und Urteile verdüstert.
Es gibt eine Reihe damaliger Urteile von Anthroposophen über »das Judentum«, die Martins mit Recht kritisiert. Auch wenn man sie Rudolf Steiner nicht generell unterschieben sollte: Martins schildert, dass Steiner zeitweise meinte (trotz seines frühen Eintretens gegen einen vernichtungslüsternen Antisemitismus, wie auch noch im Büchenbacher-Text auf S. 53 bezeugt), die Juden hätten in ihrem Gruppencharakter keine Daseinsnotwendigkeit mehr, sondern sollten kulturell aufgehen in der individualisierten Menschheit. Dies stimmt m.E. damit zusammen, dass Steiner ohnehin alle Nationalcharaktere für überwindungsbedürftig hielt. Nebenbei: Steiner hat meines Wissens nie ein höheres Hellsehen für sich in Anspruch genommen, wenn es um Zeitfragen oder ihn selber ging; das wäre auch ethisch unerlaubt. Er sah sich hier selber noch irrtumsfähiger als sonst. Sein oft apodiktischer Stil – vor allem in den natürlich verkürzenden Vortragsnachschriften – mag darüber hinwegtäuschen, wie bescheiden und selbstkritisch Steiner sein konnte. Martins schreibt Friedrich Rittelmeyer – vor allem in Bezug auf dessen Buch Deutschtum – einen latenten Antisemitismus und eine deutschnationale Haltung zu. Da steckt gerade bei Rittelmeyer ein Verständnisproblem. Er hat oft die (vielleicht vermeintlichen) Ideale der Andersdenkenden erst einmal positiv aufzugreifen und dann zu wandeln versucht. Das hat ihn bekanntlich in einen massiven Konflikt auch mit Steiner gebracht: Jürgen von Grone wurde als Redakteur der Wochenschrift Anthroposophie abgesetzt, weil er Rittelmeyer Raum gegeben hatte, einem Gegner (Lempp) zu entgegenkommend zu antworten. Dies Naturell brachte ihn dazu, oft gegenüber den Nazis nachgiebiger zu erscheinen, als es der Fall war.
Überhaupt scheint mir Rittelmeyers »Deutschtum«-Begriff durch Martins arg verallgemeinert zu werden. Rittelmeyer war – wie Martins richtig beschreibt – stark von Fichtes Deutschtum-Ideal durchdrungen, aber ohne dessen Militanz. Er hat ähnlich wie Goethe und Schiller in den Xenien gemeint, dass man nur deutsch sein könne, wenn man auf das Politische (und damit auch Militärische) radikal verzichtet. So verstehe ich auch die ominöse Rittelmeyer-Antwort auf die Frage eines Nationalsozialisten, warum er nicht für den Nationalsozialismus entflammt sei, dass dieser ihm »zu wenig deutsch« sei.
Deshalb war Rittelmeyer – trotz seiner verwirrend wirkenden Klischees über das »Judentum« – auch dagegen, die Juden 1938 aus der Wiener Gemeinde auszuschließen. Das war ihm so wichtig, dass er das Verbot der Christengemeinschaft dafür hinzunehmen bereit war. Reinhard Wagner, der deshalb von Wien zu einem letzten Gespräch mit dem sterbenden Rittelmeyer nach Hamburg reiste, hat das mehrfach bezeugt. Eine Behauptung Büchenbachers (S. 55f., bei Martins, S. 212 u. 340 bekräftigt) darf aber nicht stehenbleiben: Eduard Lenz und Alfred Heidenreich haben 1936 ganz gewiss nicht die Neugründung einer Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland angestrebt, die dem Staat genehmer sei. Für eine derart gravierende Behauptung ist mir Büchenbachers Anekdote aus Prag als einzige Quelle viel zu dünn. Ich kenne Lenz‘ ungewöhnlich wache, von Anfang an nazikritische Haltung aus seinen politischen Kommentaren im Priesterrundbrief. Und Heidenreichs Beteiligung wäre sowieso absurd ge- wesen, weil er längst in London wirkte und Deutschland nur besuchte, um bei der Abwehr eines Verbots der Christengemeinschaft zu helfen. Büchenbacher hat die Christengemeinschaft zeitlebens nicht geschätzt und möglicherweise Lenz voreingenommen gehört. (Wie- so er einst gegenüber Steiner die Möglichkeit ansprach, Priester zu werden, darüber könnte ich spekulieren, aber das gehört wohl nicht hierher).
Die ehrabschneidende Unterstellung Büchenbachers (S. 70f), Herbert Hahn habe das ihm an- vertraute Vermögen seines jüdischen Freundes Rosenthal nach dem Kriege nicht zurückzahlen wollen, scheint mir zu schwach auf Hörensagen begründet. Schade, dass Martins dies in seinem fast bestätigt. So werden aus möglicherweise haltlosen Gerüchten beim nächsten Zitat scheinbar diskutable Fragen.
Martins ist selber solch einem Vorgang aufgesessen: Helmut Zander meint, Ita Wegman sei wohl Rudolf Steiners Geliebte gewesen. Dabei stützt er sich auf keine haltbaren Quellen, wie er später auf Podien selber zugab. Martins kann aber dies als scheinbar diskutable Frage (S. 240) weiterverwenden. So werden aus Gerüchten fast Fakten.
Genug der Einwände: Ich teile Martins‘ Meinung, dass die Anthroposophen sich viel zu sehr mit sich selber beschäftigt und dadurch überschätzt haben, so dass sie blind (und nicht etwa bloß ohnmächtig) waren angesichts der Nazi-Verbrechen. Sie sind da leider manchen »bürgerlichen Fluchtbewegungen« vergleich- bar. Dieser Begriff, der meines Wissens zuerst in dem Fidus-Buch von Frecot/Geist/Krebs (Fidus 1868-1948, zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen, München 1972) verwandt wurde, hilft das Phänomen zu verstehen, dass sich manchmal kleine Gruppen in ihrer Nische für weltentscheidend halten und deshalb gekränkt sind, weil man sie nicht genügend beachtet. Ulrich Linse hat in seiner Studie Bar- füßige Propheten – Erlöser der zwanziger Jahre (Berlin 1983) für einige dieser »Bewegungen« herausgearbeitet, dass die wesentliche Maxime lautete: »Wandle dich zuerst, wenn du die Welt wandeln willst«. Für den Einzelnen mag es lobenswert sein, zuerst vor der eigenen Tür zu fegen; dennoch: Wer steht auf gegen Verbrechen in der Gemeinschaft? Dieser Frage haben sich allzu viele Menschen damals entzogen, und davon sind viele Anthroposophen leider nicht ausgenommen. Dass die Anpassungswilligkeit vieler Anthroposophen Rudolf Steiners Zielen direkt entgegenstand, dürfte – auch für Martins – unstrittig sein. Dies ist besonders fatal, da ja die Anthroposophie niemals für den Elfenbeinturm gedacht war, sondern für sozial heilsames Tun und weltgeschichtliche Wachheit.
Für dieses Versagen möchte ich noch etwas er- wägen, was bei Martins anklingt, aber stärker gewichtet werden sollte. Es ist keine Entschuldigung, aber vielleicht erhellend: Die Anthroposophen hatten bis 1925 mit einem Rudolf Steiner zu tun, der ungemein impulsierend »Tochterbewegungen« in Gang setzte. Steiner meinte, er werde wesentlich länger leben, bis ca. 1950. Als er überraschend starb, entbrannte ein Kompetenzkampf all derer, die sich von Steiner für ihre jeweilige Mission besonders beauftragt fühlten. Das überforderte sie, so dass sie sich viel zu wenig mit der sogenannten »Außenwelt« beschäftigten. Die Dornacher Kämpfe und die Ausschlüsse von tragenden Mitgliedern lähmten die Verantwortungsfähigkeit. Da ist schwere Schuld entstanden, im anthroposophischen Bereich und auch gesamtgesellschaftlich. Man sollte Martins Buch lesen, auch wenn – und gerade weil – es beunruhigt.
Zuerst erschienen in: Zeitschrift DieDrei